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Nobody knows anything - William Goldman
In dieser Rubrik beobachte ich
den gegenwärtigen Kinomarkt und bewerte unter wechselnden dramaturgischen
Gesichtspunkten die Erfolgsaussichten aktueller Filmstarts.
SENTIMENTAL VALUE
Buch: Joachim Trier, Eskil Vogt
Regie: Joachim Trier
Wie im Film? Die Sublimation von Kommunikationslosigkeit in Kunst
Der eigentliche Protagonist von Joachim Triers Künstler-/Familiendrama
SENTIMENTAL VALUE ist niemand aus dem illustren Figurenensemble, sondern
ein Haus. Genauer das im norwegischen Drachenstil errichtete Heim der
dysfunktionalen Familie Borg, die darin schon seit Generationen lebt.
Und das seither wie eine Bühne immer wieder zum Schauplatz der
einen oder anderen Familientragödie wird. Sei es nun der Selbstmord
der Mutter von Familienpatriarch GUSTAV BORG (Stellan Skarsgard), die
während des Krieges von den Nazis brutal gefoltert wurde. Oder
der Weggang Gustavs, eines selbstverliebten Starregisseurs, von seiner
Familie, um sich ganz seiner Filmkunst widmen zu können. Geblieben
ist in dem Haus lediglich ein Riss in Fundament, von dem man aber spätestens
seit Leonard Cohens berührender Hymne "Anthem" weiß, dass
gerade er es ist, der erst das Licht hereinlässt: "There is
a crack, a crack in everything. That's how the light gets in".
Zurückbleiben jedoch auch Gustavs zwei Töchter NORA (Renate
Reinsve) und AGNES (Inga Ibsdotter Lilleaas), die den Verlust des Vaters
auf je eigene Weise kompensieren. Während Agnes sich früh
in ihre eigene Familienidylle mit drögem Ehemann EVEN (Andreas
Stoltenberg Granerud) und Söhnchen ERIK (Oyvind Hesjedal Loven)
flüchtet, leidet die populäre Theaterschauspielerin Nora an
schwerem Lampenfieber, Panikattacken und Depressionen und hat sogar
schon einen Selbstmordversuch hinter sich. Als der alternde Familienpatriarch
ausgerechnet auf der Beerdigung seiner Exfrau, Noras und Agnes' Mutter,
wieder auftaucht, hat er jedoch etwas im Gepäck, um sich seinen
entfremdeten Töchtern wieder anzunähern: Das Drehbuch zu seinem
neuen Film, das sich Gustav nach 15 Jahren Schreibblockade abgerungen
hat, in dem er den tragischen Selbstmord seiner Mutter verarbeitet und
dessen weibliche Hauptrolle er ausgerechnet seiner Tochter Nora anbietet.
Allerdings nicht ohne darauf hinzuweisen, dass er sie noch nie hat spielen
sehen, da er mit Theater nicht viel anfangen kann.
Entsprechend schwierig gestaltet sich nicht nur die künstlerische
Zusammenarbeit zwischen Vater und Tochter, sondern auch deren emotionale
Wiederannäherung. Denn nachdem Nora zunächst ein Mitwirken
an Gustavs autobiographischem Familiendrama brüsk zurückweist,
bietet der die Rolle kurzerhand dem schnöden Hollywoodsternchen
RACHEL KEMP (Elle Fanning) an und verrät die verlassene Tochter
damit ein weiteres Mal, indem er seine Kunst ihr abermals vorzieht.
Erst als Rachel während der Zusammenarbeit zusehends an ihre künstlerischen
und emotionalen Grenzen gerät, da Gustav sie hitchcockesque lediglich
als Platzhalter in die abwesende Tochter umzumodeln trachtet, zieht
Nora die Reißleine und übernimmt schließlich selbst
die herausfordernde Rolle. Auch wenn sich die Figuren, insbesondere
das selbstzentrierte Regie-Genie Gustav, auf erfrischende Weise einmal
nicht charakterlich zum Besseren wandeln, sondern ihrer jeweiligen Persönlichkeit
in all ihrer Dysfunktionalität bis zuletzt treu bleiben, glückt
während der Dreharbeiten die Sublimation eines transgenerationalen
Familientraumas in Kunst.
So steht die Geschichte mit ihrem selbstreflexiven Film-im-Film-Setting
nur vermeintlich in der langen Tradition von Metafilmen,
die innerhalb ihrer Geschichten ihre eigenen Entstehungsbedingungen
einholen. Sondern entfaltet stattdessen in erster Linie ein vielschichtiges
und facettenreiches Porträt einer dysfunktionalen Familie in der
besten nordischen Filmtradition von Ingmar Bergman bis Lars von Trier.
Mit diesem ungleich universelleren Sujet verfügt der Film indes
über eine solide Besucherprognose beim klassischen Arthousepublikum
und verspricht zudem aufgrund der komplexen und herausfordernden Rollen
den einen oder anderen einschlägigen Darstellerpreis.
Veröffentlicht am: 4. Dezember 2025
Prognose: +/- 200.000 Besucher und Auszeichnungen beim Europäischen
Filmpreis oder der Oscarverleihung sowie Darstellerpreis für Renate
Reinsve
Ergebnis: 190.000 Besucher (Quelle: Comscore) und Auszeichnung als bester
internationaler Film bei der Oscarverleihung und als bester europäischer
Film beim Europäischen Filmpreis sowie dort auch Auszeichnungen
für beste Regie, Drehbuch, Filmmusik und Darstellerpreis für
Renate Reinsve und Stellan Skarsgard sowie Großer Preis der Jury
in Cannes für Joachim Trier
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